Gott ist mein Co-Pilot

Jugendarbeit im Dekanat Koblenz im Bistum Trier

Projektstellen im komplizierten Kontext eines gefährdeten Landes: Ruanda

Dezember17

Wer sich heute für längere Zeit in Ruanda aufhält und ein wenig Sensibilität mitbringt, spürt, wie traumatisiert viele Menschen noch sind. Vor allem wenn es zu Begegnungen mit Rückkehrern aus Flüchtlingscamps oder mit Überlebenden des Völkermords von 1994 kommt, wird das Gefühl erdrückend. Ein kurzer geschichtlicher Überblick kann zwar die unbeschreibliche Gewalt der Übergriffe im Frühjahr 1994 nicht restlos erklären, aber zumindest die Entwicklung bis zu den Ereignissen aufzeigen.

Die ruandische Gesellschaft war noch in der 2. Hälfte des 19. Jdts. von Familienclans geprägt, die sich die Funktionen Ackerbau und Viehzucht aufteilten, was aber nichts mit ethnischen Zuordnungen sondern mit sozialen Kategorien zu tun hatte: Die Hutu bearbeiteten das Land, den Tutsi, die auch den Königsclan stellten, gehörte das Vieh – daneben gab es eine verschwindende Minderheit von Pygmäen (Twa), die wild die Wälder bewohnten. 1910 wird das Gebiet unter deutsches Protektorat gestellt, das die Tutsi Regierung unterstützt, auch gegen einen Aufstand der Hutu – wobei die beiden Bevölkerungsgruppen immer noch keine Ethnien darstellen sondern wirtschaftliche Unterscheidungen abbilden – verbunden mit den Gefühlen von Bevorzugung und Benachteiligung. 1916 wechselt die Kolonialmacht: Die Belgier treten sofort in ein konfliktives Verhältnis mit dem Tutsikönigshaus ein; Hutu, Tutsi und Twa werden 1933 per Einführung von Personalausweisvermerken zu Ethnien gestempelt, das Christentum wird gegen den Willen des bereits abgesetzten Königs Musinga zur Staatsreligion erklärt. Allmählich bildet sich mit belgischer Unterstützung und ideologischer Untermauerung der Weißen Missionare eine Ideologisierung heraus, die 1957 im sog. „Hutu-Manifest“ gipfelt, das stark an die Nazi-Gesetzgebung erinnert. Schon damals häuften sich die gewalttätigen Übergiffe auf die Tutsi, die in den Nachbarländern Schutz suchten. In diesen Unruhen kommt König Rudahigwa unter ungeklärten Umständen ums Leben – der Vorwurf bis heute: Die Belgier hätten ihn vergiftet.

Die nächsten Jahre sind von gewalttätigen Übergriffen gegen die Tutsi geprägt, wobei die politische Unabhängigkeit Ruandas der Gewalt neue Nahrung gibt. 1978 hat sich die Hutu-Bevorzugung in der Regierung durchgesetzt, Tutsi-Flüchtlinge werden ausgebürgert. In den Flüchtlingslagern in Uganda gründet sich die RPF, die Tutsi-Rebellenarmee, die 1994 durch ihren Einmarsch den Völkermord beenden wird. Ihr Anführer: Paul Kagame, der jetzige Staatspräsident. Eine zentrale Rolle bei der Ideologisierung und Indienstnahme einfacher Bauern spielte der Radiosender Ruandas, der mit Hasstiraden direkt zu Gewalt gegen die Tutsi aufrief. Die RPF hatte auch deshalb freie Hand bei der Rückeroberung Kigalis, weil die UNO-Friedenstruppen das Land im Stich ließ, obwohl die prekäre Lage der Weltöffentlichkeit bekannt war (eindrücklich nachzulesen in: Romeo Dallaire, Handschlag mit dem Teufel). Über die Deutung der letzten kampfreichen Wochen streitet noch die Geschichtsschreibung: Welche Rolle spielte die französische Armee an der Grenze zum Kongo? Wer schoss das Flugzeug des Hutu-Regierungschefs Hayarimana ab, was als Startschuss für den Völkermord gilt?

Wer diese Geschichte betrachtet, deren Leid vor allem durch die Kolonialmächte heraufbeschworen wurde und deren Konfliktlinien dermaßen durch Ideologisierungen belastet sind, kann verstehen, das der breit und langjährig angelegte Versöhungsprozess sich sehr schwer tut. Die Gacacas (verpflichtende „Grasgerichte“ in allen Wohnvierteln und Dörfern) leisteten zwar einen großen Dienst am Zusammenwachsen der ruandischen Gesellschaft, konnten aber Verschweigen, Korruption, Lüge und Rache nicht verhindern. So kann es also sein, dass (wie jüngst geschehen) in einer Schule wieder Symbole der „Hutu-Power“ auftauchen, was genau so verboten ist wie bei uns das Hakenkreuz. Die Regierung Kagame reagiert darauf äußert sensibel – mit der Androhung von hohen Gefängnisstrafen und Landesverweis. Gleichzeitig gibt es ein wirtschaftliches Agieren an dieser Historie vorbei: Die Regierung versucht mit allen Mitteln, Investoren nach Ruanda zu holen und hält sich dabei alle politischen Lager offen (mit erkennbarer US-Neigung!): Die USA haben gerade ein riesiges Botschaftsgebäude in Kigali hochgezogen, Bill Gates kaufte ein Grundstück in zentraler Stadtlage, China baute die teuerste Straße von Kigali zum Kivu-See (hier soll der Tourismus demnächst boomen), die STRABAG baut den geplanten internationalen Flughafen, Kuba und Venezuela schicken Ärzteteams…

Bei diesen Entwicklungen ist ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land wahrzunehmen: Konzerne und Banken erobern die Hauptstadt mit ihren Hochhäusern, während die Dörfer und Meiler weiterhin auf Stromversorgung, Wasserleitung und Abwassersysteme warten – was unverzichtbar ist, um der nach wie vor grassierenden Malaria die Stirn zu bieten. Dem wirtschaftlichen „Aufschwung“ der Zentrale sind die Menschen im Wege, die dringend Unterstützung brauchen: Die zahllosen Witwen, die traumatisierten Vergewaltigungsopfer, die AIDS-Kranken und AIDS-Waisen, die Überlebenden und Rückkehrer ohne sichere Existenz.

Das genau ist der Grund, warum das Projekt von Haus Wasserburg in Koorperation mit der KSJ in Matimba angesiedelt ist, eine verarmte Landpfarrei im Nordosten Ruandas, nahe an der Grenze zu Uganda. In den fünf Untergemeinden leben vor allem zurückgekehrte Flüchtlinge und Überlebende, mit einem hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen. Die Gemeinden sind geprägt von einem großen ehrenamtlichen Engagement: Die Frauengruppe Dynamique des femmes arbeitet an der Stärkung des Selbstbewusstseins von Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung, Jugendteams und – organisationen erarbeiten in workshops partnerschaftlichen und demokratischen Umgang, Katechetinnen und Katecheten sorgen für das Laienapostolat in der Kirche, HelferInnen und Helfer unterstützen tatkräftig notleidende Familien, Caritasleute arbeiten an der AIDS-Aufkärung und- prävention und entlasten die Familien von Betroffenen.

Gleichzeitig mit der Unterstützung dieser Arbeit fördert das Projekt Schülerinnen und Schüler durch die Zahlung von Schulgeld für weiterführende Schulen, die in Ruanda immer noch kostenpflichtig sind, und tritt ein für die praktische berufliche Ausbildung vor allem von Mädchen. Wer als Freiwillige/r Interesse an einem Einsatz in Ruanda hat, kann entweder in Matimba mitarbeiten (Begleitung der Jugendteams, Betreuung der geförderten SchülerInnen, Englisch-Nachhilfe-Unterricht, Kinderspielewochenenden, Frauen- und Mädchengesprächskreise usw.) oder in Kigali im Stadtteil Kicukiro, begleitet von Father Eric, dem Ortspfarrer (Straßenkinderprojekt und eine Behinderteneinrichtung).

posted under Hin und Weg

Comments are closed.