Gott ist mein Co-Pilot

Jugendarbeit im Dekanat Koblenz im Bistum Trier

Ruanda im Februar 2009 – Bericht von (m)einer Reise.

März17

Wir hatten nur neun Tage Zeit, Benedikt Zimmermann von den Pallottinern in Haus Wasserburg und ich. Der Zweck der Reise war auch weniger allgemeine Erkundung des Landes sondern Kontaktaufnahme mit neuen Leuten, die mit unserem Projekt in Matimba zu tun haben und ein erstes Treffen mit dem neu gegründeten Koordinierungskreis dort. Dennoch blieb viel Zeit für Kigali und sogar für einen Abstecher nach Butare im Süden – das ging nur, weil in Ruanda die Entfernungen ja wirklich nicht weit sind, höchstens die Straßen schlecht und deshalb langsam.

Kigali explodiert: Die Regierung Kagame will der Stadt ein neues, international vermittelbares Aussehen verleihen – und so verschwinden die an die Hügel der Stadt klebenden Hütten und einfachen Behausungen, die zum größten Teil noch ohne Strom- und Wasserversorgung gewesen sind. Sie weichen aufwendigen Reihenhäusern, in die die ehemaligen BewohnerInnen – so hört man – wieder verbilligt einziehen sollen. Ganze Stadtviertel entstehen neu; ruandische Flüchtlingsfamilien, die seit 1959 dem Land den Rücken zugekehrt haben, kommen mit Vermögen zurück und können sich hier kleine Paläste bauen. Damit verschärft sich natürlich der soziale Graben zwischen ihnen und den sog. „survivors“, den Menschen, die im Land blieben und noch von den Gewaltausbrüchen 1994 traumatisiert sind. Das ist auch ein allgemeiner Vorwurf, den wir in Matimba, unserer Partnergemeinde, immer wieder hören: Die Überlebenden erhalten nicht genügend Förderung. Die Filetstücke der Stadt gehören aber längst ausländischen Firmen (Bill Gates zum Beispiel) und internationalen Konzernen. Das Stadt-Land-Gefälle ist riesig, wenn wir auch die Beobachtung machen, dass so nach und nach Stromleitungen gelegt werden. Aber an Wasser- und vor allem Abwassernetzen fehlt es nach wie vor, Grund für viele Erkrankungen, vor allem der Kinder.

In Kigali werden wir böse überrascht, als wir im Partnerschaftsbüro Rheinland-Pfalz die Liste der von uns geförderten SchülerInnen durchgehen und die Finanzen klären: Die Kagame-Regierung hat zwar die Absicht, den Unterricht von Schuljahr 1-9 kostenlos anzubieten (vorher:1-6), aber auf Kosten der weiterführenden Schulen. Das bedeutet, dass wir bei fast jedem Schüler/jeder Schülerin nahezu das Doppelte werden aufbringen müssen, wenn wir die neu eingeführten Prüfungsgebühren mitberechnen.

Salvain, der Jugendpfarrer und unser Freund aus Matimba, ist seit Januar der Direktor des mathematischen Gymnasiums von Nyarurema, eine kirchliche Schule in Trägerschaft der Diözese Byumba. Die 420 Schülerinnen und Schüler sind sehr interessiert daran, eine deutsche Partnerschule zu finden, weil sie gerne e-mails und Fotos austauschen wollen. Wir sind von der Disziplin und dem harten Tagesablauf des Internats überrascht: Wecken um 5.00 Uhr morgens, Lesen und Saubermachen bis zum Frühstück, dann Unterricht, Spülen mittags als Pausenfüller, Unterricht wieder bis 18.00 Uhr und nach dem Abendessen noch einmal Stillarbeit in den Klassen bis halb neun. Der neue Schulleiter hat aber begriffen, dass bei einem so dichten Lehrplan die Unterrichtsmethoden abwechslungsreicher sein müssen und gleich das ganze Kollegium ausgetauscht. Es gibt neuerdings auch Spiele und Tanz in den freien Zeiten, Gesprächsrunden und andere Angebote, die Spaß machen. Deshalb hat Salvain jetzt den Namen „Obama“. Da passt es ganz gut, dass eine Freiwillige aus Deutschland (Teresa Leiendecker), die im Juli 2009 ihren Dienst antritt, sich vor allem um die Mädchen der Schule kümmern soll, um mit ihnen ihre Freizeit zu gestalten. Sie wird im großzügigen Pfarrhaus von Nyarurema wohnen, bekocht von Esperance, „the best cook of Africa“.

Von hier ist es nicht weit, aber wegen der „african road“ doch lange bis nach Matimba, man fährt über Nyagatare, eine kleine Stadt, in der ebenfalls unglaublich viel neu gebaut worden ist. In Matimba wartet man schon auf uns: Emilien ist der neue Pfarrer und Fidel der neue Jugendkaplan. Sie werden unser Projekt unterstützen und sind uns gegenüber sehr offen und herzlich. Auch beim Treffen mit dem neu gegründeten Komitee für die Partnerschaft wird klar, dass die Sache, einmal mit Salvain begonnen, gut weitergehen kann. Die Unterhaltung in Englisch ist mittlerweile kein Problem mehr, auch wenn wir ab und zu stolz unsere paar Worte Kinyaruanda einfließen lassen, die wir so aufgeschnappt haben.

Das Nähprojekt der dynamique des femmes kann beginnen, die Jugendgruppenleiter freuen sich auf Simon Ney aus Saarbrücken, der ebenfalls im Juli kommen wird, der Kindergarten ist noch in den Anfängen, aber das Grundstück ist schon klar. Es gibt noch Wünsche: Eine Maschine, um Ananas in Saft zu verwandeln, damit man sie besser vermarkten kann, eine Holzwerkstatt für die vielen Jugendlichen, die ohne weiterführende Schulbildung geblieben sind und was Vernünftiges machen sollen….Wir nehmen die Vorschläge mit, klar.

Am Sonntag ist dann gemeinsamer Gottesdienst in der großen Pfarrkirche, mit Trommeln und Klatschen und Tanzen. Das Evangelium vom Gelähmten passt (das ist kein Zufall!): Jesus, eingekreist von Leuten, die dem Gelähmten keinen Weg frei machen, kann nur reden, nicht handeln, so sagt es der Text. Aber die vier Träger wissen, dass der Gelähmte (und jeder Notleidende!) in die Mitte gehört, decken das Dach ab und lassen ihn direkt vor die Füße Jesu in die Mitte der Gemeinde. So kommen Reden und Handeln wieder zusammen.

Wir haben Zeit für einen halben Tag im Akagera-Nationalpark, wo wir so viele Tiere (Giraffen, Zebras, Topis und Elefanten!) sehen, dass es selbst dem begleitenden Wildhüter ungewöhnlich vorkommt.

In Kigali nehmen wir uns die Zeit, endlich nach Nyamata und Ntarama zu fahren, zwei besondere Gedenkorte des Völkermordes von 1994. Es sind beides Kirchen, in die sich die bedrohten Menschen zu tausenden geflüchtet hatten. Aber ihre Verfolger brachen durch Wände, Decken und Fenster in die Kirchen ein und metzelten auf grausame Art die Verängstigten nieder, Kinder, Frauen, alte Menschen. Die Kirchen liegen voll mit ihren Kleidern, die zum Gedenken liegen bleiben sollen. Wasserkanister, Schulhefte, Schuhe und Schlafmatten sind aufgestapelt; das Ganze erinnert an Auschwitz. Die nebeneinander gelegten Schädel und Knochen zeigen den hilflosen Versuch, dieses unverständliche Grauen irgendwie (ein-) sortieren zu wollen. Weil die Kirche nicht zu ihrer Unfähigkeit, die Menschen zu schützen und zu ihrer eigenen Beteiligung am Völkermord stehen will, sollen beide Kirchen abgerissen werden. Das wird hoffentlich nicht gelingen, denn über der Tür steht jeweils: „Wenn du mich kennst und ich dich, töten wir uns nicht.“

Über Kigali und Gitarama geht es nach Butare, nicht nur wegen des Königspalastes von Nyanza, sondern auch wegen des Nationalmuseums von Ruanda. Hier ist die Geschichte des Landes gut dokumentiert, wenn auch die Fotos von Missionaren stammen und etwas voyoristisch auf mich wirken. Wir treffen uns mit dem Historiker Paul R., der sich vor allem mit der Geschichte der katholischen Kirche in Ruanda befasst hat und von dem wir Interessantes und Kritisches zu hören bekommen. Es ist wohl so, dass sich nur wenige Bischöfe und Priester in ihren Gemeinden am Versöhnungsprozess beteiligt haben, der ja vor allem die Gacacas beinhaltete. Das sind die sog. Grasgerichte, in denen die Schuldgeschichte einzelner Personen und Nachbarschaften aufgearbeitet wurde. Diese Zeit ist jetzt vorbei, die schuldig Gesprochenen leisten freiwillig Arbeit z.B. beim terrassierten Anlegen der Felder oder gehen ins Gefängnis (das kann man wählen, wobei man Letzteres wohl kaum empfehlen kann). Weil die Kirche sich aus diesem Prozess herausgehalten hat, verliert sie in der ruandischen Gesellschaft immer mehr an Glaubwürdigkeit. Die gut besuchten Sonntagsmessen scheinen also mehr Audruck eines allgemeinen religiösen Bedürfnisses zu sein oder auch ein Beharren auf der christlichen Tradition gegen die Weltabgewandheit der Kirche oder aber auch Zeichen für die nur schwach ausgeprägte Kritikfähigkeit gegenüger der Kirche. Prof. Paul R. jedenfalls war sehr interessiert, als unser Gespräch auf die Theologie von J.B.Metz hingewiesen wurde, der ja als erster in der BRD die Frage stellte: „Kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben?“ „That is my question!“ war seine spontane Reaktion. Es geht also nicht nur um das Verhalten der Kirche nach dem Genozid von 1994, sondern auch um die tiefe Fragestellung, wie man angesichts dieser rohen Gewalt und dem mangelnden Einspruch der Kirche noch an Gott glauben kann.

Wie sehr die katholische Kirche ein von der Gesellschaft abgewandtes Eigenleben führt, zeigt auch, dass seit drei Jahren keine offiziellen Gespräche der Bischofskonferenz mit der Regierung geführt wurden. Sicher, dafür mag es politische Gründe geben (die Kagame-Regierung ist weit entfernt von Demokratie und Uneigennützigkeit, es herrschen eher Vetternwirtschaft und Bespitzelung), aber es gäbe dennoch rein humanitäre Fragen zu klären, etwa die nach der Bekämpfung von HIV und die Versorgung der Überlebenden oder die Bildungs- und Schulpolitik. Dass gerade in Butare, das einen liberalen Bischof hat, das erzkonservativste Priesterseminar direkt von Rom eingerichtet wurde, stimmt nicht hoffnungsvoll. Prof. Paul R. lehrt dort Geschichte und lässt die Studierenden mit seiner kritischen Sicht der Dinge nicht in Ruhe.

Von Butare geht es zurück nach Kigali; am letzten Tag müssen wir noch dringend Mitbringsel wie z.B. Stoffe besorgen. Klar ist auch, dass viele der schönen afrikanischen Stoffe längst in China hergestellt werden, andere kommen aus Kenia oder der Elfenbeinküste. Der Einfluss Chinas in Afrika (über Straßenbau bis hin zu chinesischem Haushaltskram auf den Märkten – „Zhing-Zhong“ nennt man diese nicht lange haltbaren Sachen in Simbabwe) wäre ein eigenes Thema…Aber wie wir hören, baut die STRABAG die neuen Straßen und auch den neuen internationalen Flughafen. Kagame scheint mit allen Geschäfte zu machen, Hauptsache, es klingelt ordentlich dabei.

Von Ruanda werden wir in unseren Medien vermutlich Mitte April etwas hören, denn es steht der Jahrestag an: 15 Jahre Genozid. Hoffentlich wird der Welt erstens bewusst, wie schändlich sie damals das Land im Stich ließ und hoffentlich wird es nicht gelingen, die Toten und die Trauer um sie politisch auszuschlachten.

 

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